09.11.2011, 17:25 Uhr
Kollektiver Jubel und ein bisschen Ungläubigkeit in Estland. (Quelle: imago)
Eine Kolumne von Johnny Giovanni
Es ist beileibe nicht so, dass Estland in den 20 Jahren Eigenständigkeit seit dem Zerfall der Sowjetunion nicht schon Bemerkenswertes geleistet hätte. Meistens jedoch gab es irgendwo einen Haken an der Sache. In der Politik führte das kleine Land vor allen anderen Abstimmungen per SMS ein, die Wahlbeteiligung indes ist trotzdem so gering wie nirgendwo sonst in Osteuropa. In der Wirtschaft reifte man zum "baltischen Tiger" und trat als bislang einziger Postsowjet-Staat sogar dem Euro bei, freilich zerplatzte mit der Weltfinanzkrise dann auch eine besonders große Blase. In der, nun ja, Kultur, gelang 2001 der Sieg beim Eurovision Song Contest, mittlerweile aber gilt der damalige Erfolgssong "Everybody", eine Trash-Mixtur aus James Brown, Take That und Kool & the Gang, als einer der unbestrittenen Tiefpunkte des an selbigen ja nicht gerade armen Wettbewerbs.
Schließlich der Sport: Da gab es den Langläufer Andrus Veerpalu, der immer zu Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften aus der Versenkung auftauchte und seine Landsleute mit Gold beglückte. Allerdings stellte sich gegen Ende seiner Karriere der Verdacht als berechtigt heraus, dass dem wundersamen Timing mit illegalen Mittelchen nachgeholfen worden war.
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Bleibt es bei dieser Logik, dann lauert nun also auch bei den Fußballern das böse Erwachen irgendwo um die nächste Ecke, etwa in Gestalt von deftigen Abreibungen am Freitag (in Tallinn) und am kommenden Dienstag (in Dublin) gegen Irland. Na und, wenn schon, dürfen die Esten andererseits mit allem Recht einwenden. Wie bei Euro und Everybody ist ja zunächst einmal ganz erstaunlich, was das 1,3-Millionen-Einwohner-Volk von der Ostsee da zustande gebracht hat. Dass Estland in zwei Playoff-Spielen um die Teilnahme an der EM 2012 kämpft, kann mit Fug und Recht als die größte Sensation des Länderfußballs gelten, seit die benachbarten Letten 2004 die Qualifikation zur Endrunde schafften (wo es gegen Deutschland ein glückliches 0:0 gab - glücklich aus deutscher Sicht).
Denn nichts, aber auch gar nichts deutete daraufhin, dass Estland in der Gruppe C hinter Italien, aber vor den WM-Teilnehmern Serbien und Slowenien den zweiten Platz belegen sollte – es sei denn, man wertet als Omen, dass man für die Qualifikation diesmal immerhin nicht aus dem letzten Topf (mit Andorra und Luxemburg) gelost wurde, sondern aus dem vorletzten (mit Kasachstan und Moldawien). Aber sonst? Selbst versierten Kennern der europäischen Ligen dürfte allenfalls ein estnischer Nationalspieler geläufig sein, Linksverteidiger Ragnar Klavan, er spielt in Holland beim AZ Alkmaar. Auffällig war Estland eigentlich nur aus einem Grund: mit 188 Besuchern pro Spiel hält die "Meistriliiga" den niedrigsten Zuschauerschnitt des Kontinents in Profiligen.
Auch, weil er während der Sowjetzeit als Sport der verhassten Russen galt, stand der Fußball in Estland stets im Schatten von Langlauf und Basketball. Das hat sich jetzt gründlich geändert. Die Tickets für das Irland-Spiel waren innerhalb einer halben Stunde ausverkauft, und im Abgeordnetenhaus gründete sich eine fraktionsübergreifende Parlamentariergruppe zur "Verbreitung des Fußballs". 57.000 Kicker sind in Estland registriert – in Hamburg allein sind es dreimal so viele.
Wie die estnische Nationalmannschaft ihre Auswärtsspiele in Serbien, Slowenien und Nordirland gewinnen konnte, ist vor diesem Hintergrund nicht lückenlos zu erklären. Als gesicherte Erkenntnis darf bezeichnet werden, dass das 3:1 in Belgrad im dritten Qualifikationsspiel als Erweckungserlebnis diente. Die Mentalität habe sich dadurch geändert, erklärt Torwarttrainer und Rekordnationalspieler Mart Poom. "Früher haben wir versucht, das Ergebnis im Rahmen zu halten. Jetzt gehen wir raus, um zu gewinnen."
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Trainer Tramo Rüütli, 57, gilt als Vater des neuen Selbstvertrauens, er sorgt für ungezwungene Stimmung und guten Teamgeist. Zu den Schlüsselspielern gehören Torwart Sergej Pareiko und der torgefährliche Konstantin Wassiljew. Beide sind Angehörige der russischen Minderheit. Angesichts des feindseligen Verhältnisses der Volksgruppen und latenter Spannungen zwischen Tallinn und Moskau – beide Länder erkennen offiziell nicht ihre Grenzen an – kommt dem Fußball so eine beträchtliche Integrationskraft zu. Pareiko etwa besteht nach Spielen darauf, mit den Journalisten estnisch zu sprechen; obwohl er es kaum kann.
Rüütli, Pareiko, Wassiljew – Namen, die keiner kennt. Giovanni Trapattoni, der Trainer der Iren, hat sich in den letzten Wochen daher mal wieder den Mund fusselig geredet, um seinen Spielern wie der Öffentlichkeit die Annahme auszutreiben, mit dem Los Estland sei man quasi schon für die Euro qualifiziert. "Lasst uns nicht den allgemeinen Fehler machen, sie zu unterschätzen. Sie haben ein paar technisch sehr begabte Spieler." Der alte Trainer-Haudegen muss seinem Team die Angst vor der Blamage nehmen. Er weiß: Estland hat eigentlich keine Chance. Aber die hat es schon ziemlich oft genutzt.
Quelle: t-online.de
Dietschi schrieb:
am 9. November 2011 um 19:17:01
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Toll
Das ist doch mal eine Überraschung der positiven Art , das machtr doch auch in Deutschland den Pokalwettbewerb aus ... und alles so
spannend!!!!
Hoffe Estland schafft die Quali .. auch wenn sie danach vielleicht bei der Euro haue kriegen könnten ... aber doch wäre es super!!!!!
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