06.10.2011, 07:14 Uhr
Aus Istanbul berichtet Patrick Brandenburg
Einer der prägenden Momente des deutschen Fußballs kam nicht freiwillig, sondern wurde erzwungen. Bei der EM 2008 hatte sich die Mannschaft mit Hängen und Würgen durch die Gruppenphase gewurschtelt, und schon im Viertelfinale drohte gegen die spielstarken Portugiesen das Aus. Doch in der Stunde der Verzweiflung ging der Bundestrainer volles Risiko - und gewann. Mit dem neuen 4-2-3-1-System, mittlerweile der Goldstandard im Weltfußball, überraschte Joachim Löw die Portugiesen und führte sein Team ins Halbfinale.
Dass sie dort ebenso auf die Türkei traf wie nun in Istanbul in der EM-Qualifikation ist natürlich ein Zufall. Kein Zufall ist aber, dass der Bundestrainer ausgerechnet vor dem Spiel gegen die Millîler erneut über einen Systemwechsel nachdenkt. Dieses Mal nicht aus Schwäche, sondern als Trainer eines der stärksten Teams der Welt, das Zeit für Experimente hat, um noch besser zu werden.
"Ich will nicht mehr nur zwei defensive Sechser im Mittelfeld", sagte der Bundestrainer jüngst und rückte offiziell vom Erfolgsweg ab. Vielmehr will der 51-Jährige die Formation weiterentwickeln, die Deutschland zu WM-Bronze und zurück in die Weltspitze gebracht hat. Und: "Ich kann mir auch vorstellen, dass wir mal wieder 4-4-2 spielen, also mit zwei Spitzen."
Die DFB-Elf quartiert sich im Dwor Oliwski in Danzig ein. t-online.de macht den Hotel-Check. zum Video
Fünf Spiele bleiben Löw vor der EM 2012, um nicht nur personelle, sondern auch taktische Alternativen einzuüben. "Es ist immer gut, Varianten zu haben", sagt der Bundestrainer und schiebt den deutschen Fußball-Konservativismus auf den Müllhaufen der Geschichte. Dreißig Jahre WM-System, dreißig Jahre Libero - trotz aller Erfolge damit: Ziel ist es nun, unberechenbar zu werden.
Wenn immer mehr Teams das schnell handelsüblich gewordene 4-2-3-1 beherrschen, wird seine Wirksamkeit arg beschränkt. Diese Erfahrung macht beispielsweise Borussia Dortmund zurzeit häufig. Die Gegner stellen sich nicht nur ehrfürchtig hinten rein, sondern bekämpfen den Meister mit den eigenen Waffen.
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In der Nationalelf ist die Erfindung von Toni Kroos als so genanntem Zwischenspieler ein erster Schritt heraus aus dem drohenden Patt. Neben Bastian Schweinsteiger kümmert er sich nur eingeschränkt um Zerstörung des gegnerischen Spiels, dafür als Adjutant von Mesut Özil aber umso mehr um die Spieleröffnung. Dabei ist es ein Schritt zurück in die Zukunft. Denn im Prinzip hat der zweite Mann in der Schaltzentrale früher stets die Offensive angekurbelt. Nur dass ihm jetzt noch quasi als 10,5er Özil vor der Nase hängt. Noch so ein Zwischenspieler. Kein Regisseur klassischer Prägung, aber auch längst kein Stürmer wie zu Gerd Müllers Zeiten.
Komplett "old school" ist das Zweistürmersystem. Aber auch das hat seinen Reiz, wenn man es im Repertoire führt, denn kaum einer rechnet noch mit dieser Ausrichtung. "Das werden wir vor der EM auf jeden Fall testen. Darin hat die Mannschaft eine gute Basis", so Prof. Dr. Taktik, der weiter vom perfekten Spiel träumt.
Zwar hat die DFB-Elf diese Variante seit der EM 2008 nur vereinzelt angewendet. Aber da beide Nationalelf-Stürmer in Topform sind, drängt sich der Versuch geradezu auf. Mario Gomez hat in 13 Pflichtspielen der Saison zwölf Treffer erzielt. Und Miroslav Klose "kommt auf Wolke Sieben zur Nationalelf", so Löw. Denn in Italien bei Lazio Rom traf er immerhin schon drei Mal in der Liga. Vor allem aber sammelt er stetige Einsatzzeiten. Die hatten dem zweitbesten Torjäger der DFB-Geschichte zuletzt in München gefehlt.
Gegen die Türkei kommt die Idee vom 4-4-2 wohl noch zu früh. Das Team von Trainer Guus Hiddink wird im Hexenkessel Galatasaray-Stadion zumindest anfangs wild anrennen, um die Chance auf den Relegationsplatz in der Gruppe A zu nutzen. Da könnte ein massiertes Mittelfeld helfen, das Spiel zu beruhigen. Aber möglicherweise wäre es im zweiten Teil des Qualifikationsdoppelpacks gegen Belgien eine bedenkenswerte Variante, schließlich will die DFB-Elf den Fans in Düsseldorf was bieten.
Noch spannender als diese Varianten ist der Blick in die taktische Glaskugel. Schwingt sich die deutsche Mannschaft vielleicht sogar mal zum Vorreiter auf, nachdem sie die letzten Entwicklungen des Weltfußballs teils jahrzehntelang verschlafen hat? Zumindest muss sich der DFB Gedanken machen, was nach Gomez und Klose kommt. Denn während der deutsche Fußball massenweise hochtalentierte Mittelfeldspieler herausbringt, tut sich an vorderster Front bei den Talenten wenig.
Schon wird in den Jugendteams der Schritt zum Nullstürmersystem geprobt. Frank Wormuth, Coach der U20 und Chef der Trainerausbildung beim Verband, hat diesen Testballon mehrfach gestartet. 4-2-4 nennt sich das ganze dann, und die letzte 4 bezeichnet eben nicht die Stürmer, sondern das ausgepeppte offensive Mittelfeld. Durchaus vorstellbar, dass Mario Götze, Toni Kroos, Mesut Özil und Thomas Müller mit ein bisschen Übung gemeinsam in vorderster Mittelfeldreihe antreten könnten, oder? Alle haben das Zeug zum kombinierten Spielmacher/Vollstrecker - auch wenn letztere Fähigkeit bislang nur bei Müller zur vollen Blüte gekommen ist.
Als Blaupause gilt wie so oft das Versuchslabor FC Barcelona. Selbst wenn die Katalanen nominell mit einem Stürmer auftreten, so arbeitet das Team im Idealfall komplett aus seinem Zaubermittelfeld heraus - mit Xavi, Iniesta, Fabregas und Messi oder Villa und Pedro als nominellen, aber eher verkappten Stürmern. Auch weltweit geht der Trend zum Alleskönner. Rooney, Ronaldo und Tevez dienen als weitere Beispiele.
Sogar der FC Bayern hat´s schon vorgemacht, wenn auch nur ganz nebenbei. Bei der 3:0-Demütigung von Ligakonkurrent Bayer Leverkusen ging Mario Gomez früh vom Platz, um sich für die Champions League zu schonen. Es kam Luiz Gustavo, ein weiterer zentraler Spieler.
So zog das massierte Münchener Mittelfeld wie ein Schwarzes Loch alle Bälle an sich und hielt den Gegner fast eine halbe Stunde ohne eigenen Stürmer von sich fern. Trotzdem gelang den Bayern noch ein Tor. Der deutsche Fußball ist inzwischen nicht nur taktisch voll auf der Höhe der Zeit, er will sogar mit vorneweg gehen.
Quelle: t-online.de
konfuzius schrieb:
am 6. Oktober 2011 um 15:12:11
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Systemwechsel/Anpassung von Löw!?
Eine für den jeweiligen Gegner anders ausgerichtetes Spielsystem ist/wäre das Optimum, nur man braucht
die richtigen Spieler für die unterschiedlichen taktischen Spielweisen und die müssten zudem alle angesagten Systeme verinnerlichen und auf Abruf umsetzten können! Da dürften doch einige Spieler mit überfordert sein! Barca spielt eigentlich nur ein System, nämlich ihr "eigenes"!
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AlterSchwede schrieb:
am 6. Oktober 2011 um 14:31:04
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EM-Qualifikation:
Lieber Matzewepunkt!
No Name hat vollkommen recht. Zu deinem Standpunkt: Nimm mal die wichtigsten deutschen Nationalspieler
der letzten 5 Jahre (Leistung und Effektivität) - Schweinsteiger, Lahm und Müller gehören dazu - also Bayerntalente, oder? Ein Gomez mit Stuttgart-Gen hat bei der Euro noch kläglich versagt, jetzt ist er Top usw., usw....! Außerdem unterliegt ihr immer der Berichterstattung die zu 90% von 'Bayern schreibt. Alle anderen Vereine
kaufen genauso Talente oder Nationalspieler
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matzewepunkt schrieb:
am 6. Oktober 2011 um 13:54:20
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no name-fc b
Nun hau hier man nicht so den Lukas mit Deinen Bayern. Was haben die denn geleistet? Kaufen jedes Jahr beste deutsche Spieler,
ja das stimmt. Ist auch ne Leistung , das finanziell stemmen zu können. Natürlich gibt es kaum andere Spieler für diese Postionen, die deutsche Wurzeln haben und noch nicht beim fc b spielen.Und wenn, in spätestens zwei Jahren würden sie dort spielen. Talente oder austrainierte Nati-Spieler kaufen ist m.E. keine große Leistung, als dass Du hier den lauten machen muss!
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