01.12.2011, 14:38 Uhr
Als Mit-Gastgeber geht Polen mit großen Erwartungen in das EM-Turnier. Erst zum zweiten Mal überhaupt ist das Team bei einer Endrunde dabei – und will es viel besser machen als beim verpatzten Debüt 2008: Mit nur einem Tor und einem Punkt wurden die Polen damals Letzter in einer Gruppe mit Deutschland, Kroatien und Österreich. Nachdem in jüngster Vergangenheit Bestechungsskandale und Hooligans die Schlagzeilen bestimmt haben, hofft der Verband nun auf ein schöneres Bild seines Fußballs.
Die brandneuen, stimmungsvollen Stadien sollen ein begeisterungsfähiges, friedliches Publikum anlocken und ihr Team im Idealfall zu einem Sommermärchen brüllen, wie es Deutschland 2006 erlebte. Die Qualität des Kaders jedenfalls hat sich in den letzten Jahren gewaltig gesteigert, nicht zuletzt deswegen wäre alles andere als der Sprung in die K.-o.-Runde eine herbe Enttäuschung.
Weil zwei Jahre lang nur Freundschaftsspiele anstehen, wird stets gerätselt, ob die direkte Qualifikation für die Gastgeberländer Fluch oder Segen ist. Die Polen haben das Beste draus gemacht . Die Biato-Czerwoni, die Rot-Weißen, haben sich eine Reihe namhafter Gegner gesucht, um Wettbewerbsbedingungen zu simulieren. Die Bilanz 2011 gegen Schwergewichte wie Argentinien (2:1), Frankreich (0:1), Deutschland (2:2) und Italien (0:2) kann sich durchaus sehen lassen. Auch die Unentschieden gegen Griechenland (0:0), Mexiko (1:1) und Südkorea (2:2) waren respektabel. Allerdings ließen die knappen Siege über die Fußball-Zwerge Georgien (1:0) und Weißrussland (2:0) einige Wünsche offen.
Die Mannschaft Polens.Trainer Franciszek Smuda hat die vielleicht beste Auswahl seit dem großartigen Team um Sturmlegende Grzegorz Lato versammelt, das bei der WM 1974 überraschend Rang drei eroberte. Die deutsche Mannschaft konnte sich beim Gastspiel in Danzig ein Bild vom Potenzial dieses Team machen. Schließlich hatten die Gastgeber die DFB-Elf am Rande einer Niederlage. Etliche Kicker Polens beweisen sich seit Längerem erfolgreich in Europas Topligen. Allen voran Nationalkeeper Wojciech Szczesny, der das Tor von Englands Vorzeigeklub Arsenal London hütet, und die starke Dortmund-Fraktion: Robert Lewandowski und Lukasz Piszczek spielen zentrale Rollen beim Deutschen Meister, Polens Kapitän Jakub Blaszczykowski darf immerhin ab und an zum Erfolg des BVB beitragen. In Slawomir Peszko und Adam Matuszczyk sind beim 1. FC Köln weitere Bundesliga-Legionäre tätig, aber auch in Italien, Belgien oder Griechenland finden sich polnische Nationalspieler. Angesichts der Qualität des Kaders lässt sich verstehen, dass in Polen eine lebhafte Diskussion darüber entbrannt ist, ob französische Spieler wie Ludovic Obraniak (Lille) oder Damien Perquis (Sochaux) , die nur eine entfernte , oder wie der Brasilianer Roger Guerreiro gar keine Bindung zum Land haben, wirklich eingebürgert werden müssen.
Einen Star im Sinne des Boulevards haben die Polen nicht, dafür aber einige Spieler, die aufgrund ihrer großen Fähigkeiten in Europa für Aufsehen sorgen. Das wohl größte Potenzial besitzt Lewandowski, wie alle Freunde der Dortmunder Borussia derzeit vergnügt feststellen. Der 23-Jährige, der 2010 für gut 4,5 Millionen Euro von Lech Posen kam, hat sich im zweiten Jahr beim BVB durchgesetzt und ist zurzeit sogar erste Wahl gegenüber Meisterheld Lucas Barrios. Anfangs als Chancentod verspottet, hat Lewandowski nicht nur seine Treffsicherheit unter Beweis gestellt, sondern auch seine großen fußballerischen Fähigkeiten. In der vergangenen Bundesliga-Rückrunde ersetzte er den verletzten Shinji Kagawa im offensiven Mittelfeld, glänzte mit acht Toren und drei Vorlagen und trug so auf der ungewohnten Position erheblich zum Titelgewinn bei. In dieser Saison hat er diese Bilanz längst übertroffen und sich beim BVB genauso unverzichtbar gemacht wie in der Nationalmannschaft, für die er in 40 Einsätzen 13 Mal getroffen hat.
Franciszek Smuda, der auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, hat eine bewegte Vergangenheit als Spieler. Schon mit 23 Jahren ging der Verteidiger in die USA und spielte dort zwischen 1971 und 1979 für illustre Klubs wie Los Angeles Aztecs oder die San Jose Earthquakes – unterbrochen nur durch ein kurzes Gastspiel in der Heimat bei Legia Warschau. Nach dem Abenteuer Amerika ließ er seine Karriere in Deutschland ausklingen, beim Zweitligisten SpVgg Fürth und beim VfB Coburg. Der Oberligist war gleichzeitig die erste Trainerstation des Oberschlesiers. Über einige Amateurklubs in Deutschland und zwei Profiklubs in der Türkei fand Smuda erst 1993 den Weg zurück in die Heimat. Dort feierte er mit Widzew Lodz seine 1996 und 1997 seine ersten Meisterschaften. Nach dem zweiten Titelgewinn schaffte der Klub außerdem der Sprung in die Champions League. 1999 gelang ihm ein dritter Streich in der polnischen Ekstraklasa, dieses Mal mit Wisla Krakau. Seitdem wurde Smuda immer wieder als Nationaltrainer gehandelt, aber erst nach der gescheiterten Qualifikation für die WM 2010 bekam er den Job von Leo Beenhakker.
Quelle: t-online.de
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